Was ist eine Drag Queen? Mehr als Perücke und Glitzer

Letzte Woche saß ich mit meinem Nachbarn beim Kaffee, und als im Radio ein Interview mit einer Drag Künstlerin lief, fragte er: „Aber ist das jetzt ein Mann, der eine Frau spielt, oder steckt da mehr dahinter?" Ich habe gemerkt, dass die meisten Leute genau an dieser Stelle hängen bleiben. Also versuche ich es hier sauber aufzudröseln.

Eine Drag Queen ist eine Person, die auf der Bühne oder im Club eine überspitzte, meist weiblich gelesene Kunstfigur performt. Betonung liegt auf performt. Das ist Theater, Comedy, Musik, Mode. Drag ist ein Handwerk, das man lernen kann, und keine Aussage darüber, wie jemand sich selbst im Alltag identifiziert. Wer das einmal versteht, versteht auch, warum die Frage nach „Mann oder Frau" am Kern vorbeigeht.

Wichtige Erkenntnisse

  • Drag ist eine Kunstform, keine Geschlechtsidentität und keine sexuelle Orientierung.
  • Das Kostüm ist übertrieben und absichtlich künstlich, die Figur ist eine Rolle.
  • Drag Queend und Frau oder trans zu sein sind drei verschiedene Dinge.
  • Die Szene in Deutschland ist seit Jahren gewachsen, vor allem in Berlin, Hamburg und Köln.
  • Der Begriff „Drag" hat einen alten Theaterursprung, keine Internet-Erfindung.
  • Kritik an Drag richtet sich meist nicht gegen die Kunst, sondern gegen Sichtbarkeit.

Was macht eine Drag Queen eigentlich aus?

Wenn Sie sich eine Drag Show ansehen, erkennen Sie schnell, dass es nicht darum geht, wie eine echte Frau auszusehen. Drag übertreibt. Das Make-up ist hart gezeichnet, die Konturen sind scharf, die Perücke sitzt hoch, das Kostüm glänzt mehr, als der Anlass verlangt.

Die drei Ebenen, auf denen Drag funktioniert

Ich habe mir irgendwann angewöhnt, Drag in drei Schichten zu lesen. Das hilft ungemein beim Verstehen.

  • Die Figur: eine erfundene Person mit eigenem Namen, eigener Stimme, eigenen Macken.
  • Die Handwerksebene: Make-up, Perücken, Kostüm, Choreografie, Playback oder Live-Gesang.
  • Die Kommentarebene: Drag kommentiert Schönheitsideale, Weiblichkeit, Klassismus, Schwulenkultur, manchmal auch einfach die eigene Familie.

Diese Ebenen können zusammenfallen, müssen sie aber nicht. Manche Queens sind vor allem Comedians und tragen nur wenig Make-up. Andere sind eher Tänzerinnen oder Sänger. Drag hat keine Zulassungsprüfung.

Und was Drag ausdrücklich nicht ist

Kein Fetisch. Keine Therapie. Keine Tarnung. Wer Drag macht, tut das nicht, weil er sich „heimlich als Frau fühlt" und das auslebt. Manche tun es, weil sie es wollen. Andere, weil es ihr Job ist. Wieder andere, weil sie auf einer Bühne stehen und die Bühne sowieso schon da ist. Ein Bekannter macht Drag, seit er 19 ist. Er ist seit Jahren glücklich verheiratet, hat zwei Kinder, und seine Figur heißt anders als er. Das ist kein Widerspruch, das ist einfach Theater.

Woher kommt der Begriff „Drag" überhaupt?

Die Etymologie ist erstaunlich schlicht, und sie hat mit Schwulenclubs wenig zu tun. Im britischen Theater des 19. Jahrhunderts stand „drag" für Kleidung, die man über andere Kleidung zieht, also für das Verkleiden selbst. Lange vorher, im englischen Theater des 17. Jahrhunderts, spielten Männer sämtliche Frauenrollen, weil Frauen nicht auf der Bühne stehen durften. Ihr Gewand „schleppte" förmlich, englisch to drag.

Woher kommt der Begriff „Drag" überhaupt?

Aus derselben Zeit stammt die Redewendung, dass eine Rolle im Stück „voller Drag" gespielt wurde, also mit maximalem Verkleidungsaufwand. Was heute als Subkultur gilt, war zuerst eine Notlösung der Schauspielbühne. Erst im 20. Jahrhundert wanderte das Wort in die Ballkultur und in die Schwulenbars. Die Verbindung „Drag = Transvestit" ist demgegenüber relativ neu und übrigens falsch.

Drag Queen, trans Frau, Travestie — worin liegt der Unterschied?

Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, und ich verstehe sie. Die Begriffe werden im Alltag wild durcheinandergeworfen.

Begriff Was gemeint ist Dauer Identität oder Rolle?
Drag Queen Künstlerische Figur mit überspitztem weiblichem Code abendweise, projektweise Rolle
Travestie Verkleidung in Kleidung des „anderen" Geschlechts, oft theaterhaft ebenso befristet Auftritt
Trans Frau Frau, die als solche lebt, weil sie eine Frau ist dauerhaft Identität
Drag King Pendant mit männlich gelesener Kunstfigur abendweise Rolle

Die wichtigste Zeile ist die letzte Spalte. Drag endet, wenn das Kostüm abgelegt wird. Trans-Sein endet nicht. Wer das einmal verwechselt, verwechselt einen Bühnenauftritt mit dem Leben eines Menschen. Das ist nicht nur unsauber, es kann auch verletzend sein.

Kurz gesagt: Eine Drag Queen kann trans sein. Eine trans Frau kann Drag machen. Aber das eine erklärt nicht das andere.

Wie wird man eigentlich Drag Queen?

Es gibt keine Ausbildung, keinen Meisterbrief, keine Prüfung. Der übliche Weg ist erstaunlich unspektakulär.

Wie wird man eigentlich Drag Queen?

Der Weg in die Szene

  1. Man geht regelmäßig in eine Bar oder einen Club, in dem Drag läuft. Fast alle Drag Künstlerinnen, die ich kenne, haben so angefangen, lange bevor sie selbst aufgetreten sind.
  2. Man findet eine Figur. Name, Charakter, Gesangs- oder Comedy-Richtung.
  3. Man lernt Make-up. Das dauert Monate, häufig mit Frustration und schlecht geklebten Wimpern.
  4. Erste Auftritte, oft in offenen Bühnen, mit wenig Publikum und wenig Gage.
  5. Erst danach kommt, wenn überhaupt, Kohle ins Spiel.

Ich habe 2019 das erste Mal eine offene Bühne in Hamburg besucht. Die Hälfte der Leute auf der Bühne war an diesem Abend zum ersten Mal dran. Zwei davon sind heute beruflich in der Szene unterwegs. Der Rest hat einfach zwei Jahre lang einen Abend im Monat gemacht und es dann gelassen, was völlig in Ordnung ist.

Kann man davon leben?

Ehrlich? Die meisten nicht. Die Szene zerfällt grob in drei Gruppen. Es gibt eine kleine Schicht mit Tourneen, Fernsehen und Festivals, die davon lebt. Dann eine mittlere Schicht, die Club-Auftritte mit einem zweiten Job kombiniert, häufig Friseur, Visagistik, Gastro oder Mode. Und dann Leute, die Drag als Hobby machen, mit Kostüm und Fahrtkosten auf eigene Rechnung. Wer Ihnen sagt, man könne „ohne Weiteres" von Drag leben, kennt nur den ersten Teil.

Warum Drag gerade politischer geworden ist

Drag war nie apolitisch, aber die Aufmerksamkeit ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das hat mehrere Gründe. RuPaul's Drag Race hat das Genre weltweit bekannt gemacht und Drag zu etwas gemacht, das auch im Wohnzimmer konsumiert wird. Gleichzeitig haben Demonstrationen, Selbstbestimmungsrecht und Debatten um Lesungen für Kinder dafür gesorgt, dass Drag regelmäßig in politischen Talkshows landet.

Und da zeigt sich oft eine Verschiebung. Kritisiert wird selten, dass eine Kunstfigur gespielt wird. Kritisiert wird, dass diese Figur sichtbar ist, und dass sie sichtbar ist, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Was Kritiker tatsächlich sagen — und was nicht hält

Ich habe mir über die Jahre viele Debattenbeiträge angesehen, und drei Argumente kehren immer wieder:

  • „Das ist Frauenverachtung" — wer auf eine Bühne geht und Weiblichkeit absichtlich maximal übertreibt, verachtet sie selten. Er hat sich meist jahrelang mit ihr beschäftigt, intensiver als viele andere.
  • „Das ist gefährlich für Kinder" — Drag ist eine Theaterform. Kindgerechte Drag-Lesungen richten sich an Kinder wie jedes andere Vorleseformat auch.
  • „Das ist gegen Frauen" — statistisch trifft Drag Kritik vor allem aus konservativen Kreisen, und diese Kreise haben in den letzten Jahren kaum ein Wort über Lohnlücken oder Altersarmut von Frauen verloren.

Das heißt nicht, dass jede Drag-Nummer gelungen ist. Es gibt schlechte Witze, es gibt Grenzüberschreitungen, es gibt Auftritte, die ich selbst albern finde. Das ist bei jeder Kunstform so und kein Argument gegen die Form an sich.

Drag in Deutschland: wo passiert das eigentlich?

Wenn Sie das Gefühl haben, das sei alles nur ein Berliner Ding, liegt das vermutlich an der Berichterstattung. Tatsächlich gibt es in fast jeder größeren Stadt regelmäßige Formate.

Drag in Deutschland: wo passiert das eigentlich?

Städte und Orte

Berlin ist natürlich die lauteste Stadt, mit Clubs, Festivals und einer Szene, die sich ständig neu erfindet. Hamburg hat eine lange Tradition im Reeperbahn-Umfeld, mit einer sehr engen Community, in der man sich kennt. Köln zieht aus dem Karneval und dem rheinischen Publikum eine eigene, sehr volksnahe Drag-Szene. München, Frankfurt, Leipzig und Dresden haben ebenfalls feste Abende und kleinere Festivals. Selbst in Städten wie Göttingen oder Regensburg gibt es mittlerweile monatliche offene Bühnen.

Was mir auffällt: Die deutsche Szene ist weniger auf Fernsehkarrieren ausgerichtet als etwa die amerikanische. Viele arbeiten lokal, treten seit Jahren in derselben Bar auf und haben trotzdem nie ein Mikrofon im TV gesehen. Das ist okay, aber es macht die Szene auch verletzlicher, weil lokale Bars sterben und mit ihnen die Bühne.

Rechtlich passiert gerade etwas

Mit dem Selbstbestimmungsgesetz hat sich der Rahmen verändert, in dem Geschlechtseinträge geändert werden können. Das betrifft Drag nur indirekt, weil Drag keine Eintragungsfrage ist. Aber es hat eine Debatte darüber verschoben, wie öffentlich man Geschlecht verhandeln darf. Viele Drag Künstlerinnen erzählen mir, dass sie seitdem häufiger gefragt werden, wie sie selbst sich verorten. Die Antwort ist fast immer dieselbe: gar nicht auf einer Bühne.

Häufige Fragen, die ich oft höre

Ist „Drag Queen" eine Beleidigung?

Nein, im Gegenteil. Der Begriff ist die Selbstbezeichnung der Szene und keine Fremdzuschreibung von außen. Wer ihn abwertend benutzt, ändert nichts daran, dass er die Sache richtig benennt.

Müssen Drag Queens schwul sein?

Nein. Die Szene ist historisch eng mit Schwulenkultur und Ballkultur verbunden, das stimmt. Aber es gibt heterosexuelle Drag Queens, bisexuelle, lesbische, und es gibt Drag Künstlerinnen, die im Alltag gar keine Kategorie für sich benutzen. Die Bühne macht keine Vorgaben.

Warum heißt es Drag Queen und nicht Drag König?

Drag King ist die männliche Entsprechung und genauso eine eigenständige Kunstform. Die Bezeichnung ist keine Rangfolge, sondern eine Wortwahl aus einer Zeit, in der die weiblich gelesene Variante deutlich prominenter war. Diese Prominenz hat sich verschoben, wenn auch langsam.

Muss man sich selbst mit Drag beschäftigen, wenn es einen nicht interessiert?

Nicht mehr als mit anderen Kunstformen. Was aber hilft, ist die Basiskorrektur: Eine Drag Queen ist eine Bühnenfigur. Wer diese Karte im Kopf einmal richtig einsortiert hat, wird bei fast jeder Debatte weniger raten müssen.

Eine Perücke ist noch kein Weltbild

Vielleicht ist das der Satz, den ich Ihnen mitgeben würde. Eine Drag Queen ist jemand, der ein Kostüm anzieht, eine Rolle spielt und damit arbeitet, was wir für selbstverständlich halten: Make-up, Weiblichkeit, Applaus, Publikum. Diese Rollen sind nicht harmlos, aber sie sind auch nicht gefährlich.

Was mich nach all den Jahren in dieser Szene am meisten überrascht, ist die Nüchternheit. Die Auftritte sind laut und grell, aber die Menschen dahinter sind oft leise, gewissenhaft und extrem früh wach, weil sie vor der Show noch zwei Stunden ins Make-up müssen. Die glamouröseste Kunstform, die ich kenne, beginnt um 18 Uhr mit einem Kaffee in einem fensterlosen Raum. Das ist die Realität, die hinter dem Scheinwerferlicht liegt.