Hexensabbat: Der Tag, an dem die Börse verrücktspielt
Der dritte Freitag im März. Ich sitze vor meinem Terminal, der Kaffee ist lauwarm, und der DAX macht genau das, was er an diesem Tag immer macht: Er zuckt. Erst 0,3 Prozent runter, dann wieder hoch, dann ein Ausschlag nach links, der sich in den Charts anfühlt wie ein nervöses Zucken. Kein fundamentaler Grund. Keine Unternehmensmeldung. Nur der Kalender.
Drei Uhr nachmittags, und plötzlich bewegen sich Milliarden.
Ich rede vom Hexensabbat – dem großen Verfallstag an den Terminmärkten. Und ich kann Ihnen sagen: Wer diesen Tag nicht versteht, wird ihn früher oder später schmerzhaft bezahlen.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Hexensabbat ist kein Börsen-Mythos, sondern ein realer Termin: der dritte Freitag im März, Juni, September und Dezember – wenn Futures und Optionen gleichzeitig verfallen.
- Die Hauptbewegung passiert in engen Zeitfenstern, besonders zwischen 11:50 und 12:00 Uhr sowie in der letzten Handelsstunde ab 17:30 Uhr.
- Marktteilnehmer nutzen diese Fenster für gezielte Strategien wie Gamma-Scalping und Arbitrage – das erklärt die seltsamen Kurssprünge.
- Für Privatanleger ist der Hexensabbat meist kein Grund zur Panik – aber ein Grund, vorsichtiger zu sein.
- Der deutsche Verfallstag unterscheidet sich vom US-amerikanischen „Triple Witching Day" – nicht nur zeitlich, sondern auch in der Produktvielfalt.
Was ist der Hexensabbat? Herkunft und Bedeutung
Der Begriff klingt nach mittelalterlichem Aberglauben – und genau da liegt seine Wurzel. Im 15. Jahrhundert beschrieb man damit das angebliche Treffen von Hexen in der Walpurgisnacht. Das Wort selbst stammt übrigens vom hebräischen Schabbat ab, dem Ruhetag. Ironisch, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet an diesem Tag an der Börse keine Ruhe herrscht.
Vom Brocken zur Börse: die Wandlung eines Begriffs
Irgendwann im 20. Jahrhundert – niemand kann genau sagen, wann und wer es zuerst getan hat – wurde der Begriff auf die Terminmärkte übertragen. Der Grund ist naheliegend: Wenn Futures und Optionen gleichzeitig verfallen, tanzen die Kurse, als hätten sie einen Besen verschluckt.
Die deutsche Besonderheit: An der Eurex verfallen an diesem Tag nicht nur die Standard-Futures auf DAX, MDAX und TecDAX, sondern auch eine Unmenge an Optionskontrakten. Dazu kommen indexbasierte Produkte auf den STOXX. Das ergibt ein Feuerwerk an Handelsvolumen.
Was viele nicht wissen: Der amerikanische „Triple Witching Day" funktioniert ähnlich, aber nicht identisch. Dort verfallen Aktienoptionen, Indexoptionen und Index-Futures am selben Tag – dreifach, daher der Name. In Deutschland ist die Konstellation etwas anders gelagert, aber das Prinzip bleibt gleich.
Der große Verfallstag: Mechanik hinter dem Chaos
Ehrlich gesagt, ich habe am Anfang meiner Trading-Zeit keine Ahnung gehabt, was da eigentlich passiert. Ich habe nur gesehen: Volatilität steigt, mein Stop-Loss wird gefressen, und mein Broker meldet ungewöhnlich hohe Volumina. Erst als ich angefangen habe, die Mechanik zu verstehen, ergab das Ganze einen Sinn.
Futures und Optionen: Wenn Verträge sterben
An jedem Verfallstag müssen alle offenen Positionen in den betreffenden Derivaten aufgelöst oder in den nächsten Monat übertragen werden. Stellen Sie sich das wie einen Mietvertrag vor, der am Freitag um Mitternacht ausläuft: Wer nicht verlängert, muss ausziehen – egal, ob die Möbel schon am neuen Ort stehen oder nicht.
In der Praxis bedeutet das: Institutionelle Anleger müssen ihre Absicherungsstrategien anpassen. Market Maker müssen ihre Bücher neu ausbalancieren. Spekulanten müssen entscheiden, ob sie ihre Verluste realisieren oder ihre Gewinne mitnehmen. Und alle tun das gleichzeitig.
Das Ergebnis sehen Sie dann auf dem Chart: Der DAX macht Bewegungen, die mit der realen Wirtschaft nichts zu tun haben.
Die magischen Zeitfenster: 11:50, 13:00, 17:30
Der Eurex legt feste Zeiten für den Verfall fest. Die wichtigsten Fenster:
- 11:50 bis 12:00 Uhr: Verfall der Index-Optionen und -Futures auf den DAX
- 13:00 Uhr: Verfall der Aktienoptionen
- 17:30 Uhr: Verfall der Futures und Optionen auf den MDAX und TecDAX
In diesen zehn Minuten zwischen 11:50 und 12:00 passiert das eigentliche Drama. Ich habe einmal mitgesessen, als ein Kollege – eigentlich ein ruhiger Typ – bei einem 40-Punkte-Ausschlag innerhalb von zwei Minuten laut aufschrie. Die Bewegungen in diesem Zeitfenster sind nichts für schwache Nerven.
Hexensabbat heute: Volatilität und Volumen
Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird: Ist der Hexensabbat wirklich so schlimm, wie alle sagen?
Meine ehrliche Antwort: Ja und nein.
Was die Volatilität angeht, ist der Effekt real, aber begrenzt. In meiner eigenen Beobachtung über die letzten Jahre liegt die durchschnittliche Schwankungsbreite an einem Verfallstag etwa 20 bis 30 Prozent höher als an einem normalen Handelstag. Aber – und das ist wichtig – das gilt vor allem für die engen Zeitfenster, nicht für den ganzen Tag.
Was die Volumen angeht, ist der Unterschied deutlicher. An einem Hexensabbat wird typischerweise ein Vielfaches des normalen Handelsvolumens umgesetzt. Ich habe Tage gesehen, an denen der DAX in der letzten halben Stunde mehr Volumen generiert hat als am gesamten Vormittag.
Die Rolle der Marktteilnehmer: Wer bewegt den Markt?
Es wäre zu einfach zu sagen, der Hexensabbat sei „nur" eine technische Angelegenheit. Die Realität ist komplexer. Vier Gruppen dominieren das Geschehen:
- Market Maker, die ihre Optionspositionen absichern müssen – oft gegenläufig zum Markt
- Arbitrageure, die Preisunterschiede zwischen Future und Index ausnutzen
- Institutionelle Anleger, die ihre Portfolios neu ausrichten
- Private Trader, die – gelinde gesagt – nicht immer rational handeln
Besonders die Market Maker sind interessant. Sie müssen ihre Bücher neutral halten, unabhängig davon, wohin sich der Kurs bewegt. Das führt zu sogenannten Gamma-Effekten: Je näher der Verfall rückt, desto stärker reagieren sie auf Kursbewegungen. Das verstärkt die Ausschläge.
Exotische Produkte: Die deutsche Besonderheit
Was ich in den letzten Jahren immer deutlicher sehe: Die Rolle von Warrants und Zertifikaten. Deutschland ist ein riesiger Markt für diese Produkte, und an einem Verfallstag spielen sie eine wichtige Rolle.
Die Emittenten dieser Produkte – meist Banken – müssen ihre Positionen absichern. Das tun sie über Optionsgeschäfte an der Eurex. An einem großen Verfallstag kommen so zusätzliche Orders in den Markt, die mit dem eigentlichen Anlegerinteresse nichts zu tun haben.
Ich erinnere mich an einen konkreten Fall im Juni vor ein paar Jahren: Ein einzelner großer Zertifikate-Emittent hat den Markt um 17:20 Uhr mit einer massiven Absicherungsorder bewegt. Der MDAX sprang innerhalb von fünf Minuten um fast ein Prozent – und niemand wusste warum. Das ist der Hexensabbat, wie er leibt und lebt.
Strategien für den Verfallstag
Jetzt kommen wir zum praktischen Teil. Was sollten Sie – als Privatanleger – an einem Hexensabbat tun?
Meine ehrliche Antwort: Im Zweifelsfall weniger als sonst.
Für passive Anleger: Durchatmen und nichts tun
Wenn Sie einen ETF auf den DAX besitzen und nicht vorhaben, in den nächsten Tagen zu verkaufen: Der Hexensabbat ist kein Grund zur Sorge. Die Bewegungen sind kurzfristig und gleichen sich meist wieder aus. Ich habe in meinen Jahren noch keinen Anleger gesehen, der langfristig Schaden genommen hat, nur weil er an einem Verfallstag investiert war.
Was Sie aber tunlichst vermeiden sollten: Kurzfristige Trades an diesem Tag eröffnen, wenn Sie nicht genau wissen, was Sie tun. Die Spreads werden unberechenbarer, die Stop-Losses werden häufiger ausgelöst, und die Kursbewegungen folgen keiner fundamentalen Logik.
Und noch etwas: Platzieren Sie keine Orders in den Minuten vor dem Verfall, die Sie nicht auch bei größeren Ausschlägen akzeptieren würden. Eine Limit-Order, die 20 Punkte vom aktuellen Kurs entfernt liegt, kann an einem Hexensabbat schneller ausgeführt werden, als Ihnen lieb ist.
Für aktive Trader: Die Fenster nutzen
Wer aktiv handelt, kann den Verfallstag durchaus nutzen. Drei Ansätze, die ich selbst ausprobiert habe:
Erstens: Die Mittagsvolatilität handeln. Zwischen 11:50 und 12:00 Uhr gibt es oft eine Richtungsbewegung, die sich – mit etwas Glück – antizipieren lässt. Das ist aber riskant und erfordert schnelle Entscheidungen. Zweitens: Die Nachverfall-Bewegung abwarten. Oft dreht der Markt nach der ersten Verfallswelle um 12:00 Uhr in eine klare Richtung. Einige Trader warten genau auf diesen Moment und steigen dann ein. Drittens: Die letzte Stunde nutzen. Zwischen 17:00 und 17:30 Uhr passiert häufig nochmal eine Bewegung, besonders bei MDAX und TecDAX. Wer den Trend des Tages kennt, kann hier unter Umständen nochmal mitnehmen.Aber: Jede dieser Strategien erfordert Erfahrung. Wenn Sie nicht sicher sind, was Sie tun, lassen Sie es bleiben. Es gibt genug andere Handelstage im Jahr.
Risikomanagement: Die drei Regeln
Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann das hier:
- Positionsgrößen reduzieren. An einem Verfallstag handeln Sie besser mit der Hälfte Ihrer üblichen Positionsgröße.
- Stop-Losses weiter fassen. Normale Stop-Distanzen werden an diesem Tag zu oft ausgelöst. Rechnen Sie mit mehr Volatilität.
- Nichts über Nacht halten. Positionen, die Sie nicht bis zum nächsten Tag halten wollen, schließen Sie vor 17:30 Uhr.
Und dann gibt es noch eine vierte, etwas provokante Regel, für die ich mich gelegentlich rechtfertigen muss: Handeln Sie am besten gar nicht. Es gibt Tage, an denen das beste Trade das ist, das Sie nicht machen.
Hexensabbat Börse 2026: Was Sie heute wissen müssen
Für das laufende Jahr 2026 gibt es vier Verfallstermine, und der nächste steht bereits kurz bevor. Die Terminologie ist dabei weniger wichtig als das Verständnis für die Dynamik.
Die Termine im Überblick
- März (dritter Freitag)
- Juni (dritter Freitag)
- September (dritter Freitag)
- Dezember (dritter Freitag)
Der Dezember-Termin ist traditionell der größte, weil dann auch die Dezember-Futures verfallen, die viele Anleger über das Jahr gehalten haben.
Ehrlich gesagt, die genauen Daten können Sie in jedem Börsenkalender nachschlagen – wichtiger ist, dass Sie wissen, dass dieser Tag kommt, und sich darauf einstellen.
Die Schattenseiten: Wann der Verfallstag zum Albtraum wird
Ich will nicht den Teufel an die Wand malen, aber ein paar Dinge sollte man kennen.
Hexensabbat in der Walpurgisnacht: Ein kultureller Exkurs
Es gibt eine wunderbare Ironie darin, dass der Begriff Hexensabbat in Deutschland auf zwei völlig verschiedene Phänomene angewendet wird: die Walpurgisnacht am 30. April und den Börsen-Verfallstag. Die eine ist ein alter Volksglaube – die andere ein technisches Phänomen des 20. Jahrhunderts.
Die Walpurgisnacht hat mit der Börse übrigens nichts zu tun, außer dass sie – wie der Verfallstag – im Volksmund mit Chaos und Unberechenbarkeit verbunden wird.
Vielleicht ist genau das der Punkt: Menschen brauchen Geschichten, um Unerklärliches zu benennen. Ob Hexen auf dem Brocken tanzen oder Futures an der Eurex verfallen – die Wirkung auf die Außenstehenden ist ähnlich: Man sieht Bewegung, versteht aber nicht, was dahintersteckt.
Fazit: Der Tag, den Sie kennen sollten – aber nicht fürchten müssen
Der Hexensabbat ist kein Grund zur Panik. Er ist ein technisches Ereignis, das sich – wenn man die Mechanismen versteht – in Grenzen vorhersagen lässt. Die Volatilität steigt, die Volumen nehmen zu, aber der Markt funktioniert weiter.
Mein Rat nach Jahren an den Märkten: Nehmen Sie den Verfallstag zur Kenntnis, aber lassen Sie sich nicht davon beherrschen. Wenn Sie langfristig investiert sind, ändert dieser eine Freitag nichts an Ihrer Strategie. Wenn Sie kurzfristig handeln, passen Sie Ihre Risiken an.
Und wenn Sie das nächste Mal einen dieser seltsamen Kurssprünge sehen, bei dem niemand eine rationale Erklärung hat – schauen Sie auf den Kalender. Es könnte der dritte Freitag im Monat sein.
Der Tanz hat begonnen.